Die Geschichte die ich niemandem erzählen wollte

Ich saß an einem späten Nachmittag verschlafen und verkatert in meiner 33m² Wohnung. Die Rollläden waren runtergelassen und somit drang kaum Licht in den Raum. Mit plagenden Kopfschmerzen hockte ich auf meinem Schreibtischstuhl, in gekrümmter und niedergeschlagener Haltung.

Eine depressive Stimmungslage hatte mich überwältigt an diesem Tag, sodass ich es grade so vom Bett auf meinen Schreibtischstuhl schaffen konnte. An Duschen oder Frühstücken war vorerst überhaupt nicht zu denken. Mich plagten Fragen wie „Wieso soll ich überhaupt noch weitermachen?“ oder „Wieso bin ich so unglücklich?“ auf die ich spontan keine Antwort finden konnte.

Ich erinnere mich noch genau an diesen Tag. Der Folgetag einer durchzechten Halloween Party die mein ganzes Leben auf den Kopf stellen sollte. Mich auf eine Reise schickte, die bis heute noch andauert und mir mehr als nur neue Perspektiven eröffnete.

Doch vorerst möchte ich etwas über den Julian Klein erzählen, der ich vor diesem Schlüsseltag war.

In meiner Kindheit war ich ein sehr aufgeschlossener Junge, welcher nie ein Problem damit hatte andere Menschen kennenzulernen. Schon als Kind stellte ich fest, dass fremde Menschen zurücklächeln wenn man sie anlächelt und dies tat ich mit großer Freude. Ich las überaus gerne und war viel draußen. Mein Antrieb war eine große Begeisterung für das Leben und eine blühende Fantasie.

Mit der Pubertät schlug diese Begeisterung in Langeweile um. Diese Langeweile wiederrum in Antriebslosigkeit, sodass ich die Hauptzeit des Tages vor meinem PC verbrachte und nicht wusste was ich mit mir anfangen sollte. Schule und das Unterordnen gegenüber Autoritäten, kam erst recht nicht in Frage. Ich war der Klischee-Rebell wie ihn sich kein Lehrer wünscht.

Mein Hauptproblem war jedoch nicht nur diese erworbene Hilflosigkeit bzw. Unmündigkeit bezogen auf mein Dasein als Schüler, sondern die im Bezug auf meine Emotionen. Ein soziales Umfeld, welches sich größtenteils auf Aggression und Kriminalität begründete wurde mir zu Eigen und dementsprechend versuchte ich auch die Probleme meiner Welt zu lösen. Wie sagt man so schön, wenn das einzige Werkzeug, welches man besitzt ein Hammer ist, so wird jedes Problem zum Nagel. Ich lernte durch mein Umfeld und passende Referenzerlebnisse, dass der Lautere, Brutalere und Aggressivere die Konflikte für sich entscheiden kann und somit „gewinnt“.

Wut und Aggression und das Unwissen mit diesen Emotionen umzugehen wurden Teil meines Lebens. Ich hatte viele Prügeleien, fing früh an zu rauchen, war jedes Wochenende betrunken und wurde, durch mein enormes Maß an Aggression eine kleine Bekanntheit in meinem Umfeld.

Dies war mein Fokus, dies bildete meine Erfahrung und somit auch meine Identität.

Ich begründete mein Ich auf falschem Stolz, Wut/Aggression, Kriminalität und Respekt vor dem Stärkeren. Kurz gesagt: Ich war meistens ein ziemliches Arschloch. (Ja, wirklich!)

Das Schlimme daran war, mir war nicht bewusst, dass es auch anders geht, dass man die Wahl hat, zu sein wer man sein will und mir selbst diese Entscheidung zu Grunde liegt.

In meiner gewohnten Umgebung hat dieses Verhalten auch wunderbar funktioniert, auch wenn meine Jugend mehr mit Stress gefüllt war, als mit schönen Erlebnissen. Jedoch hatte ich mir ein Umfeld aufgebaut, welches mich in dieser Identität kannte, respektierte und mich dementsprechend bestärkte. Somit lief quasi alles „gut“ für mich.
Nach meiner Bundeswehrzeit (welche mich in meinem Glauben, dass das männlichere und härtere gewinnt nur bekräftigte) zog ich zum Studieren nach Mainz, wo ich völlig neue Erfahrungen sammeln und anderen Einflüssen unterlegen sein sollte.

Kommen wir zu diesem besagten Abend:

Vorerst war es eine Feier wie immer, viel Alkohol, tanzen und Mädels ansprechen. Irgendwann, wie es im Laufe des Abends häufiger vorkommt, begab ich mich auf die Toilette, um mich zu erleichtern und beleidigte völlig willkürlich einen Nebenmann aufs Übelste. Wir wechselten ein paar streitende Worte und eins kam zum andern, sodass wir nach draußen gingen um das ganze wie „Männer“ zu regeln. Was ich nicht merkte war, dass zwei weitere Freunde von ihm mitkamen.
Vor der Tür war dieses Wissen dann leider zu spät zu mir durchgedrungen, da ich auch ziemlich betrunken war, konnte ich kaum schnell auf diesen Fakt reagieren. Die Kurzfassung der Schlägerei: Ich wurde vermöbelt und musste wegrennen, um schlimmere Schäden zu umgehen.

Mit dieser Demütigung, welche mir vorher noch nie widerfahren ist, musste ich nach Hause gehen. Es war ein absolut ungewohntes Gefühl für mich und es war so intensiv, dass es alles veränderte. Selbst wenn ich mich heute an diesen Tag zurückerinnere, bekomme ich dieses unwohle Bauchgefühl. Mein Stolz war gebrochen, ich war alleine in einer neuen Stadt, mit einem Erfahrungsschatz und einem Charakter der sich nicht auf diese neue Umgebung anwenden ließ.

Meine eigene kleine Welt und meine Identität waren nun wertlos.

Ich habe am nächsten Tag lange darüber nachgedacht. Ich hegte Selbstmordgedanken, da ich meine komplette Person in Frage stellen musste, denn unterbewusst war mir klar: so geht es nicht mehr weiter. Bleibe ich bei dieser Denkweise, werde ich untergehen.

Zwei Wege standen mir für die Zukunft offen: Ich könnte so weitermachen und dieses „Kopf durch die Wand“-Prinzip erneut anwenden oder ich musste mich verändern. Problematisch war für mich, dass ich nicht wusste wie ich mich verändern muss oder wo dieser Weg mich hinführen würde.

Die Angst vor weiteren so extrem schmerzvollen Demütigungen war jedoch so groß, dass ich mich zu einem kompletten Lebenswandel entschied und dieser fiel so radikal aus wie auch mein bisheriges Leben war.

Wege entstehen dadurch, dass man sie geht.

– Franz Kafka

Ich fing wieder an regelmäßig Sport zu treiben, meldete mich in einem Fitnessstudio an, ging regelmäßig laufen, hörte von einem auf den anderen Tag auf zu rauchen und trank ab diesem Tag ein ganzes Jahr lang keinen Tropfen Alkohol mehr.

Ein guter Freund von mir brachte mich auf den Wert gesunder Ernährung und um mein soziales Umfeld besser zu verstehen, fing ich an mich intensiv mit Kommunikation zu beschäftigen. Mir war es nicht wirklich bewusst, jedoch setzte ich mir damit Ziele, was in meinem vorherigen Leben völlig fehlte.

Dies war der Beginn einer Reise. Eine Reise auf einem Weg der bis heute anhält, denn jedes Jahr merke ich wieder, wie viel ich erneut lernen durfte. Eine Reise voller Höhen und Tiefen, Motivationsproblemen und andererseits endloser Motivation. Am Anfang war es schwer und ich versuchte alles für mich nach dem „Trial and Error“-Prinzip herauszufinden, was mir zwar Rückschläge, aber im Nachhinein weit größere Fortschritte bescherte, auf welche ich heute zurückgreifen kann.

Meine wichtigste Erkenntnis bis heute ist, dass jeder Mensch zu jeglicher Veränderung in der Lage ist. Ich befand mich damals in einem extrem negativen sowie einschränkenden Gedankenkäfig, welchen ich als gegeben und unveränderbar angenommen habe. Doch selbst ich, einfach jemand wie du, hat es geschafft.

Wir sind nicht einfach wer wir sind, wir sind die Menschen zu denen wir uns machen. Der erste und wichtigste Schritt ist, dafür Verantwortung zu übernehmen und das Lenkrad des Lebens endlich zu ergreifen.

Ich bin heute bereit an meinen Problemen und Zielen zu arbeiten, um mir das Leben zu kreieren, dass ich mir in meinen Träumen vorstelle. Ich bin bereit, authentisch zu sein und mich nicht hinter einer Maske zu verstecken, aus Angst, andere könnten sehen, dass ich nicht perfekt bin.

Ich möchte Menschen dazu inspirieren die Dinge endlich in Angriff zu nehmen. Negative Charaktereigenschaften in Frage zu stellen und aus dem Käfig limitierender Gedanken auszubrechen. Ich möchte meine Erfahrungen mit euch teilen und hoffe es beleuchtet euch neue Perspektiven und trägt einen Teil zu einem glücklicheren sowie bewussteren Lebensweg bei. Denn jeder von uns hat ein Leben voller Erfolg, Liebe und Zufriedenheit verdient. Daran glaube ich.

Es sind nicht die äußeren Umstände, die das Leben verändern, sondern die inneren Veränderungen, die sich im Leben äußern.

– Wilma Thomalla

Danke, dass du diesen Artikel gelesen hast. Ich wünsche dir von Herzen alles Gute und hoffe wir sehen uns beim nächsten Artikel wieder.

Bis dahin, viel Erfolg!

Julian

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7 Gedanken zu „Die Geschichte die ich niemandem erzählen wollte“

  1. Hallo Julian,
    Ich werde dir auch kurz meine Geschichte erzählen. Bei mir fängt es leider nicht so gut an. Ich war kein Wunschkindvund das ließ mich meine Mutter immer spüren. Viele Schläge und auch psychische Schläge waren am Tagesprogramm . Noch dazu ließen sich meine Eltern scheiden und ich war dem hilflos ausgeliefert. Alle Habens gesehen keiner hat geholfen. Ich lernte mit 16 meinen ersten Mann kennen was auch eine Flucht von zu Hause war. Tja wir waren zwar 18 Jahre zusammen aber auch nur weil ich wieder viel über mich ergehen ließ und auch noch zwei Kinder da waren. Mit 34 Jahren, dass sind jetzt 10 Jahre beendete ich die Beziehung. Mit 36 j löste ich dann endlich die Bindung zu meiner Mutter. Ich lernte meinen zweiten Mann kennen aber vor lauter Angst hab ich mich zu sehr auf ihn gehängt. Wir bekamen einen Sohn. Aber es war eine harte Zeit unser Baby hat 10 Monate nur geschrien vom schlafen keine Rede. Dann machte sich mein Mann auch noch selbständig mit einer fensterfirma. Das hieß für mich natürlich auch mitarbeiten. Ich hatte 3 Kinder eins davon grad ein Jahr, ein großes Haus und ja jeden Tag arbeiten oft bis Mitternacht. 7 Tage die woche. Ich fuhr genauso auf die Baustellen um Fenster zu montieren und machte die Büroarbeit. Dann gerieten wir an einen Gauner und nach langem Kampf musste mein Mann in Konkurs gehen. Wir haben alles verloren Haus, Auto, alles was wir hatten und standen mit den dreien da. Wussten oft nicht mal wie wir einkaufen sollten. Wir haben gekämpft ich hab in der reklamationsabteilung einer fensterfirma angefangen. Anfangs 20 Stunden aber es wurden immer mehr und so schnell konnte ich gar nicht schauen wurde ich zwangsbeglückt und ich arbeitete 45 Stunden mindestens. Immer ohne Pause. Dass diese Abteilung keine feine ist brauch ich nicht erwähnen es ging so weit dass ich morddrohungen erhielt. Ich war komplett am Ende der Kopf arbeitete Tag und Nacht ich lief wie ein Hamster im Rad. Arbeit, Kinder Haushalt es wurde zu viel. Ich wurde immer öfter krank aber ich arbeitete. Bis dann der total Zusammenbruch kam. Mir hat’s den Boden unter den Füßen weggezogen. Ich konnte wochenlang nicht auf ein halbes Jahr nicht einmal Auto fahren. Fuhr dann 6 Wochen auf reha dann ging es mir noch schlechter. Die Ehe ging in die Brüche. Tja und da kämpf ich seit zwei Jahren. Körperlich hat das auch seine Spuren hinterlassen. Im März wurde ich an der Bandscheibe operiert was net hingehauen hat und ich täglich Schmerzen und dadurch schlaflose Nächte hab. Ich hatte eine Beziehung aber es hat net funktioniert. Und jetzt hab ich irgendwo meinen Weg oder auch mich selbst verloren und weiß momentan nicht wie es weitergehen soll. Die Einsamkeit ist groß, Freunde gibt’s kaum weil ich ja nur gearbeitet hab. Und irgendwie will momentan nichts funktionieren.
    So das ist im großen und Ganzen meine Geschichte.
    Lg Iris

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    • Hallo Iris,

      Vielen Dank für deine Ehrlichkeit über deine Vergangenheit und jetzige Situation. Da wir schon im Email Kontakt stehen, lass uns dies auf jeden Fall beibehalten, denn ich würde dich dahingehend liebend gerne unterstützen.
      Bis dann in der nächsten Mail, 🙂
      Lg Julian

      Antworten

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